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Der folgende Artikel erschien bei watson, Philipp Löpfe

Das BFE äussert immer die Befürchtung, würde man beginnen, Autos mit synthetischen Treibstoffen zu betanken, käme es zu Engpässen beim erneuerbaren Strom. Dieser Artikel beweist, dass die Befürchtung wohl eher als Ausrede zu werten ist.

Energiewende ist kein Luxus – sondern ein glänzendes Geschäft

Dieser ETH-Professor mag keine Subventionen. Die Energiewende ist für ihn trotzdem kein Luxus – sondern ein glänzendes Geschäft

Anton Gunzinger hat mit «Kraftwerk Schweiz» ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit geschrieben. Er weist mit überzeugenden Fakten nach, dass der scheinbare Energie-Pragmatismus der Wirtschaftsverbände und der bürgerlichen Parteien schlicht Unsinn ist. 

Das Fazit, das Anton Gunzinger nach rund 250 Seiten seines Buches «Kraftwerk Schweiz» zieht, ist unmissverständlich: 

«Die Zahlen zeigen, dass die Gesamtenergieversorgung der Schweiz weitgehend aus erneuerbaren Ressourcen bestritten werden kann. (...) Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist volkswirtschaftlich, betriebswirtschaftlich, ökologisch und sicherheitspolitisch sinnvoll. (...) Statt jährlich um die 15 Milliarden Franken für importierte, nicht erneuerbare Energie auszugeben, investieren wir das Geld besser in neue Technologien.» 

Mit diesen klaren Worten stellt sich Gunzinger gegen den neuen Mainstream in der Energiedebatte. Dieser lässt sich wie folgt zusammenfassen: Fukushima, das war gestern. Wegen dem Frankenschock können wir uns ökologische Träumereien nicht mehr leisten. Die Energiewende muss abgeblasen werden. Wir brauchen daher weiterhin fossile Brennstoffe und Kernenergie. Sorry, liebe Umwelt. 

Mit Fakten gegen den neuen Mainstream

Diesem angeblichen Pragmatismus – vertreten von Economiesuisse und den bürgerlichen Parteien – tritt Gunzinger mit überzeugenden Fakten entgegen. Er ist für diese Rolle wie geschaffen. Gunzinger lehrt als Professor am Institut für Elektronik an der ETH, er ist ein international renommierter Forscher – das Magazine «Time» hat ihn einst unter die hundert wichtigsten Persönlichkeiten eingereiht –, und er ist zudem ein erfolgreicher Unternehmer. Seine Firma Supercomputing Systems AG beschäftigt im Zürcher Technopark rund 100 hoch qualifizierte Mitarbeiter auf dem Gebiet Elektronik, Software und Systemdesign. 

«Statt jährlich um die 15 Milliarden Franken für importierte, nicht erneuerbare Energie auszugeben, investieren wir das Geld besser in neue Technologien.» – Anton Gunzinger

Gunzinger ist ein überzeugter Marktliberaler 

In die rot-grüne Romantiker-Ecke lässt sich Gunzinger also nicht so abschieben. Er ist ein überzeugter Liberaler, ja gar ein Marktfundamentalist. «Ich mag Subventionen überhaupt nicht», sagt er und strebt stattdessen unternehmerische Lösungen in der Energiefrage an. Als Ingenieur und Unternehmer ärgert er sich über die ungeheure Verschwendung der aktuellen Energieversorgung. «Für unser Land ist die Umstellung auf erneuerbare Energien unter dem Strich schlicht die rentabelste Lösung», stellt er fest. 

Denkt marktliberal und unternehmerisch: Anton Gunzinger. 

«Kraftwerk Schweiz» ist keine politisch oder ideologisch motivierte Polemik. Es ist eine wissenschaftlich hergeleitete, mit unzähligen Fakten untermauerte Analyse der aktuellen Schweizer Energiesituation, ergänzt durch mögliche Szenarien für die Zukunft. Geschrieben hat das Buch der Journalist René Staubli, ehemals «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung». 

Warum nicht im eigenen Land investieren?

Die Schweiz gibt jährlich – je nach Art der Berechnung – zwischen 12 und 15 Milliarden Franken für fossile Brennstoffe (Öl, Diesel, Erdgas) aus. «Warum investieren wir dieses Geld nicht im eigenen Land?», fragt sich Gunzinger. Eine berechtigte Frage, denn wir haben geradezu ideale Voraussetzungen, um in Sachen Energie autonom zu werden.

Die Schweiz hat viel Wasser und viele Berge und kann daher viel Strom aus Wasserkraft erzeugen. Laufwasserkraftwerke an den grossen Flüssen liefern Bandenergie, Speicherseekraftwerke in den Bergen helfen uns durch den Winter und Pumpspeicherkraftwerke decken die Spitzen im Tagesverlauf ab. 

In den Schweizer Bergen ist die Sonneneinstrahlung stärker als in der Sahara

Die Schweiz hat aber auch sehr viel Sonne. Gunzinger und sein Team haben das minutiös untersucht und sind zu einem überraschenden Resultat gekommen: «In den Bergen ist die Sonneneinstrahlung teilweise höher als in der Wüste Sahara. Der Spitzenwert von 225 Kilowattstunden pro Quadratmeter im algerischen El Oued wird von der Dufourspitze in den Walliser Alpen im Frühling und Sommer sogar übertroffen.» 

«Welcher vernünftige Unternehmer setzt auf ein Produkt, das immer teurer wird?» – Anton Gunzinger

Es ist daher eine Mär zu glauben, dass wir hierzulande zu wenig Sonne haben, um rentabel Solarenergie zu erzeugen. Im Gegenteil, das Problem besteht darin, dass wir heute schon im Sommer manchmal unter einem Überfluss an Solarenergie leiden. Es geht also darum, den richtigen Mix aus Wasserkraft und Solarenergie zu finden, ergänzt mit Windenergie und Energie aus Biomasse und den Kehrichtverbrennungsanlagen. 

Solarstrom wird immer billiger

Die Kernenergie können wir uns dann sparen, nicht nur weil sie gefährlich ist, sondern weil sie auch zu teuer wird. Dank technischen Fortschritten wird Solarenergie immer billiger und wird schon in wenigen Jahren günstiger sein als der Atomstrom. «Welcher vernünftige Unternehmer setzt auf ein Produkt, das immer teurer wird?», fragt sich Gunzinger. 

Solarenergie in der spanischen Wüste. Was die Sonneneinstrahlung betrifft, können die Schweizer Berge mithalten.

Das technische Knowhow für eine Umstellung auf nachhaltige Energie besteht bereits. Was es noch braucht, ist eine adäquate Infrastruktur. Die noch bestehende Energieversorgung ist zentralistisch ausgerichtet. Ein paar Kernkraftwerke erzeugen grosse Mengen von Strom, die mit einem komplizierten Netz landesweit verbreitet werden. 

Waschen, wenn der Strom billig ist

Die neue Energieversorgung hingegen ist dezentral und intelligent. Ein so genanntes «smart grid» sorgt dafür, dass die Energie sparsam und zur richtigen Zeit eingesetzt wird. Waschmaschinen waschen dann, wenn der Strom billig ist, Elektroautos können auch als Batterien verwendet werden, etc. 

Bund und Stromkonzerne rechnen, dass ein solches intelligentes Stromnetz rund 13 Milliarden Franken kosten würde. Dank intelligentem Systemmanagement kommt Gunzinger auf einen viel tieferen Betrag. «Statt bis zu 13 Milliarden Franken für den Netzausbau auszugeben, könnten wir das Schweizer Stromnetz für 2 Milliarden Franken für die Energiewende fit machen.» 

Fährt bereits elektrisch und ist begeistert: Umweltministerin Doris Leuthard und ihr Tesla. 

Eine in Sachen Energie autonome Schweiz wird sich nicht ins Schneckenhaus zurückziehen. Mit dem Stromexport könnten wir weiterhin gutes Geld verdienen. «Unsere Simulation hat ergeben, dass die Schweiz unter idealen Bedingungen auch nach der Energiewende im Schnitt einen Handelsüberschuss von durchschnittlich 620 Millionen Euro pro Jahr erzielen könnte», stellt Gunzinger fest.

«Statt bis zu 13 Milliarden Franken für den Netzausbau auszugeben, könnten wir das Schweizer Stromnetz für 2 Milliarden Franken für die Energiewende fit machen.» – Anton Gunzinger

 

Energetisch betrachtet leben wir derzeit in einer paradoxen Welt. In Stosszeiten stöhnen wir im Stau, dabei ist das Schweizer Strassennetz über das ganze Jahr betrachtet nur zu 2,84 Prozent ausgelastet. Wir bewegen uns in Autos, deren Benzinmotor im besten Fall einen Wirkungsgrad von 13 Prozent aufweist, obwohl es Elektromotoren gibt, die einen Wirkungsgrad von über 90 Grad erreichen.

Über diese Verschwendung und diese Ineffizienz ärgert sich der Ingenieur Gunzinger. Er will nicht, dass wir auf Wohlstand und Bequemlichkeit verzichten, er will, dass wir vernünftiger mit einer bereits vorhandenen Technologie umgehen. 

Kein Geld für Putin und die Ölscheichs

Die Schweiz hat beste natürliche Voraussetzungen dazu. Sie könnte ein Musterland in Sachen nachhaltiger Energieerzeugung werden. Auch die finanziellen Voraussetzungen sind derzeit ideal. Der Bund kann Geld gratis oder gar zu Minuszinsen aufnehmen. Warum also stecken wir das Geld, das wir jetzt immer noch Putin und den Ölscheichs in den Rachen stopfen, nicht in die eigene Wirtschaft und tun damit Gutes für uns und unsere Nachkommen?